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Abhängigkeit, Angst vor

"Ich brauche nichts und niemanden!" Ein Satz wie ein Fanfarenstoß. Stolz. Selbstbewusst. Frei. Wer würde hinter diesem Leitspruch der Unabhängigkeit eine tiefe Angst (und Sehnsucht) vermuten. Die Scheu, sich einzulassen, zu verbinden – aus Angst, sich abhängig zu fühlen. Seine Umkehrung lautet: Ich kann nicht ohne dich leben, das macht mich abhängig und manipulierbar. Und in dieser Form taucht er ebenfalls regelmäßig in der Therapie auf: als offene Angst, sich zu verlieren oder aufzulösen, als Angst vor Abhängigkeit und Manipulierbarkeit.

Hin und wieder begegnet mir diese Sorge schon in der Anfangsphase einer Therapie: der Therapeut soll gar nicht erst wichtig werden. So schiebt Frau N. in einer Stunde ihre spontane Freude über eine anerkennende Bemerkung von mir reflexartig „zur Seite". Auf meine Nachfrage erklärt sie, sie wolle sich nicht für die Wirkung meiner Anerkennung öffnen; sie wolle sich nicht berühren lassen, damit ich nicht wichtig werde, denn dies führe sie in eine Abhängigkeit. Ähnlich Herr L.: Er lasse das Gefühl der Berührtheit durch unterstützende oder aufmunternde Worte nicht an sich rankommen; er fühle sich sonst abhängig und manipulierbar. Lieber wolle er deshalb ein nüchternes roboterhaftes Funktionieren beibehalten und unabhängig bleiben. Vielleicht erschrecken solche Sätze oder es erscheint schwer vorstellbar, dass sie ernst gemeint sind. Nähme ich solche „Stacheln der Abwehr“ für die ganze Wahrheit eines Menschen, würde ich übersehen, dass er gerade vor mir sitzt, weil er sich für eine Therapie entschieden hat und nach neuen Wegen sucht. Solche Stacheln sind der noch notwendige Sicherheitsgurt auf der Suche nach Veränderung.

Je länger eine Therapie dauert, je tiefer und bedeutsamer also auch die therapeutische Beziehung wird, desto stärker treten nach meiner Erfahrung Abhängigkeitsängste auf. Mitunter mündet diese dann sogar in den Wunsch, die Therapie zu beenden.
Sich innerlich nicht berühren lassen wollen, sich nicht einlassen auf menschliche Nähe, Beziehung und Bindung ist in allen genannten Beispielen Folge einer Angst vor Abhängigkeit. Was speist diese Angst? Angst vor Verletzungen. Sich zu öffnen macht verletzbar. Schon sich einzulassen macht verletzbar, denn wenn das Gegenüber durch die zunehmende Bindung wichtig wird, schließt dies zwangsläufig die Gefahr des Verlusts ein. Es ist die Geschichte, die der Fuchs im „Kleinen Prinzen“ erzählt: „Du hast mich gezähmt“, was bedeute, „sich vertraut machen“, und wenn wir uns vertraut machen „werden wir einander brauchen“. Und als der Abschied kommt, klagt der kleine Prinz: „… nun wirst du weinen“. Er zweifelt an dem Sinn, sich anzufreunden, weil er anschließend mit dem Verlust, mit der Trennung fertig werden muss.

Wer kennt nicht Menschen, die (manchmal erst nach schweren Verlusterfahrungen) sagen: Nie wieder ein Haustier, eine Katze, einen Hund, ja sogar: auf keinen Fall Kinder, ich hätte immer Angst, sie zu verlieren oder dass sie leiden könnten. Sie begegnen einem unaufhebbaren Dilemma mit Verzicht. Die Einwilligung in die Freuden der Bindung ist nur zusammen mit der Einwilligung in die Möglichkeit von Leid, von Verletzung und Verlust zu haben. Manche Menschen wollen sich dieser unauflöslichen Spannung nicht aussetzen. Speist sich Angst vor Abhängigkeit also einerseits aus der Angst vor Verletzung oder Verlust, so verbirgt sich andererseits darin häufig eine Angst vor Manipulierbarkeit. Sie taucht manchmal explizit auf und wird auch so benannt. Sie kann jedoch ebenso indirekt als Befürchtung erscheinen, sich selbst aufzulösen oder sich zu verlieren. Diese Menschen erleben ihre eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Gedanken als so zart und zerbrechlich, dass sie davon überzeugt sind, sie nicht aufrecht erhalten zu können. Sie drohen ihnen daher verloren zu gehen, wenn sie nicht beachtet, nicht gesehen oder anerkannt werden.

Diese Angst vor Manipulierbarkeit findet sich besonders bei Menschen, die ohnehin in Gefahr sind, sich in einer Beziehung zurück zu nehmen, die dazu neigen, sich selbst aufzugeben oder nicht bei sich bleiben, aus Sorge, den Anderen zu enttäuschen oder gar zu verlieren. Wird ein Mensch wichtig, verstärkt sich diese Bereitschaft zur Anpassung. Wenn das Gegenüber nun tatsächlich zu manipulieren versucht – und es gibt fast in jeder Beziehung solche Momente – fürchtet man sich, diesem Druck nicht widerstehen zu können. Die Angst vor Manipulierbarkeit ist somit ein Hinweis auf die eigene Schwierigkeit, sich in wichtigen Beziehungen treu zu bleiben.

In diesen verschiedenen Facetten der Angst widerspiegeln sich zugleich die verschiedenen Formen (Definitionen) von Anhängigkeit: Sie ist a) das Unvermögen, eine unbefriedigende Situation oder eine Beziehung bewältigen, verändern oder verlassen zu können; b) das Phänomen, dass ein Mensch sich als abhängige, bestimmbare Variable eines Gegenübers erfährt; c) die Überzeugung, nicht mehr ohne einen bestimmten Menschen auskommen zu können (ähnlich wie bei einer stofflichen Sucht oder Abhängigkeit).

Die Angst vor Abhängigkeit wurzelt zumeist in einem alten Gefühl. Das Kind ist in besonderer Weise abhängig. Wird es verlassen, zurückgewiesen oder manipuliert, ist es ausgeliefert und schutzlos, weil es auf die Eltern angewiesen ist. Wenn dann Nähewünsche und -bedürfnisse z.B. nur für den Preis der Selbstaufgabe befriedigbar waren oder zutiefst frustriert wurden, etwa durch Weggeschicktwerden, durch Verlust oder Vermissen eines Elternteils, durch Abwertung usw. kann der Aufbau eines angstfreien Verhältnisses zu Abhängigkeit und Angewiesenheit scheitern. Ist die Entwicklung eines unbefangenen Verhältnisses zur Abhängigkeit solcherart belastet, legt das den Keim einer misslingenden Autonomieentwicklung. Dann wird verständlich, dass Selbstöffnung und Anvertrauen angstbesetzt sind und die Entscheidung zur Ablehnung der eigenen Öffnung die Folge sein kann. Der Entschluss lautet dann: „Nie wieder abhängig und angewiesen!“, denn Abhängigkeit und Leid sind vor diesem Hintergrund eins.

Als Erwachsener mit Abhängigkeitsängsten fühle ich mich dann wie ein ausgeliefertes Kind. Und ich tendiere nun zur Vermeidung von Nähe, um die kindlichen Gefühle des Ausgeliefertseins zu vermeiden. So kommt es zu einer Überbetonung der Unabhängigkeit, zum eigenen Weggehen oder zum Wegschicken des Anderen, sobald die Möglichkeit einer Bindung am Horizont erscheint. Oder ich verharre misstrauisch in einem Schneckenhaus und warte auf Reaktionen der Anderen. Ich fordere Vertrauen und Garantien ein, statt mich anzuvertrauen. Oder ich versuche, durch Beobachtungen der anderen Sicherheit zu finden; solch misstrauisches Beäugen, das permanente Prüfen soll vor Verletzungen bewahren.

Statt der erhofften Unabhängigkeit entsteht auf diese Weise nur eine andere Form der Abhängigkeit: ich bin zum Abwarten und Beobachten verdammt, fixiert auf die Reaktionen meines Gegenübers. So macht die Angst vor der Abhängigkeit abhängig! Ich bin angewiesen auf die Öffnung des Anderen. Nicht selten verwandelt sich die Angst vor Manipulation sogar in eine Tendenz zur Manipulation des Gegenübers, indem ich ihm direkt oder indirekt Bedingungen stelle: er soll sich so verhalten, dass ich keine Angst haben muss, dass ich sicher bin, die Kontrolle zu behalten. Auf diese Weise macht die Angst vor Manipulation manipulativ.

Wirkliche innere Freiheit erwächst hingegen durch Initiative, Risiko, Gestaltung. Statt Vertrauen zu fordern, gilt es, sich zu trauen. Vertrauen entsteht letztlich durch positive Erfahrungen mit dem eigenen Sich-trauen. Somit ist die Einwilligung in die Abhängigkeit eigentlich der Weg zu ihrer Überwindung. Sie anzuerkennen ermöglicht, ihren Schrecken loszuwerden: ich traue mich, mich zu öffnen, wieder verletzbar zu sein und vertraue darauf, damit nicht unterzugehen. Diese Einwilligung in die Abhängigkeit erfordert (die Entwicklung von) Vertrauen in die eigene Kraft. Reife, wirkliche Autonomie und Freiheit ist die Fähigkeit, bei sich selbst zu bleiben, sich selbst treu zu bleiben, gerade wenn der Andere wichtig wird oder gar tatsächlich versucht, mich zu manipulieren. Es gilt, eine Balance zwischen Selbstbestimmtheit und Verbundenheit zu finden. Sich in diesem Spannungsbogen selbstbewusst zu bewegen, ist die eigentliche Lebensaufgabe. Wird diese Spannung als ein unaufhebbarer Gegensatz erlebt, ergibt sich Bindungslosigkeit (ich muss allein sein, um mich nicht in Beziehungen zu verlieren) oder Selbstaufgabe (ich kann nicht allein, ohne den anderen sein). Paare sind dann abhängig von der Beziehung, sie müssen zusammen sein und halten dafür alles Unbefriedigende in der Beziehung oder gar eine unglückliche Beziehung aus. Nur wer auch allein sein kann, kann sich wirklich verbinden.

Wir können der Abhängigkeit nicht entkommen – wohl aber der Anpassung oder Selbstaufgabe – denn sie ist letztlich ein Ausdruck unseres Menschseins. Wir sind zutiefst soziale Wesen, werden Mensch durch Begegnung und Bindung. Das Kaspar Hauser Syndrom oder Hospitalismusphänomene zeigen die negative bis lebensgefährliche Wirkung von Isolation im Extrem, was u. a. durch die moderne Säuglings- oder Gesundheitsforschung immer weiter untermauert und aufgeschlüsselt wird. So reflektiert jede sich vertiefende Beziehung unsere Sozialität und trägt so in sich auch das Element von Abhängigkeit: immer emotional, manchmal äußerlich-real (wenn wir uns z.B. im Alter wieder versorgen lassen müssen). Abhängigkeit ist somit eine unabänderliche existenzielle Grunderfahrung, nicht jedoch ihre Entgleisung in die oben beschriebenen Formen des Verlusts der Selbstbestimmung.

In einer fiktiven oder Pseudounabhängigkeit werden wir kaum eine dauerhaft befriedigende Lösung finden: Die Haltung einer inneren Unberührbarkeit oder ein Leben in Abgeschiedenheit mögen eine gewisse vorübergehende Sicherheit geben. Letztlich sind es jedoch nur begrenzte, magere Formen der Unabhängigkeit, weil sie auf den Reichtum menschlicher Begegnung verzichten. Was wir vielmehr brauchen, ist eine innere Kraft zur Eigenständigkeit in der Berührung, zur Wahrhaftigkeit in Begegnung - die Kraft bei uns zu bleiben, wenn wir uns ganz einlassen.

Der eingangs erwähnte Herr L. konnte sich übrigens wenig später von einem „geschenkten Lächeln“ erwärmen lassen, sich erkennbar daran freuen. Frau N. erlaubte es sich, in meiner Gegenwart zu weinen; sie konnte zum ersten Mal Trost annehmen, ohne das Gefühl, sich unterzuordnen oder sich manipulierbar zu machen.