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Theorie als Intervention und Hemmnis in der Psychotherapie

Prozesse und Zusammenhänge theoretisch zu durchdringen, zu verstehen, was hinter Phänomenen steckt und wie sie erklärt werden können, Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, all das hat mich immer wieder fasziniert. Bloßes Demonstrieren und Zuschauen, auch intensive Selbsterfahrungen in meiner eigenen Therapieausbildung hatten mich zwar oft tief beeindruckt, hin und wieder jedoch an der Stelle unzufrieden zurückgelassen, an der ich mich fragte, wie ich das als Therapeut jemals selbst hinbekommen könnte. Der Verweis mancher Lehrtherapeuten auf Intuition als Erklärung von Interventionen hat mich eher empört, weil diese sich der Vermittelbarkeit und Lehre entzieht. Nicht zufällig habe ich daher mit meiner Abschlussarbeit in Integrativer Therapie zu erfassen versucht, wie Körpertherapeuten „zaubern“, um diese Zauberei zu entmystifizieren und sie als greifbares und erlernbares Handwerkszeug zur Verfügung zu stellen.

Zumindest in der gestaltorientierten Therapieszene herrschte längere Zeit eine gewisse Theoriefeindlichkeit. Auch wenn es inzwischen selbstverständlicher geworden ist, dass Intellekt und Gefühl zusammengehören, wurde möglicherweise in der Geschichte der Psychotherapie mehr über den Abwehrmechanismus der Intellektualisierung geschrieben als über den Wert von Theorie innerhalb einer Psychotherapie. Das wäre dann wohl doch wieder eine latente Theoriefeindlichkeit.

So banal es klingen mag: Theorie leitet Praxis und Praxis befruchtet Theorie. Die Freude am Verstehen teile ich häufig mit Patienten, die sich mit mir auf einen gemeinsamen Rätsellöseprozess begeben. Viele Beiträge in diesem Wiki sind davon getragen. Deshalb will ich diesmal ausdrücklich eine Lanze für den Intellekt brechen, genauer gesagt, für seinen Nutzen zur Förderung therapeutischer Prozesse. Mir geht es um den Wert von Theorie, nicht nur für Therapeuten, sondern ebenso für Patienten und Klienten. Und natürlich umfasst das: alles, was wirkt, kann auch unerwünschte Nebenwirkungen haben. So kann intellektuelles Verstehen den Heilungsprozess sowohl fördern als auch ihm im Wege stehen.

Das Ringen um Verstehen beginnt schon mit der ersten Stunde einer Therapie. Wenn mir ein Patient eingangs seine Nöte und Anliegen nahebringt, ist es einer der wichtigsten Momente, wenn es gelingt, eine Idee von den Quellen und Ursachen seiner Probleme zu finden und einen Lösungsansatz zu skizzieren. Dies gibt dem Menschen, der Orientierung sucht, eine Perspektive. (Zunächst ist dies sicherlich nur eine grundsätzliche Idee, man könnte sagen eine Hypothese oder Arbeitstheorie - dennoch ist es enorm wichtig, sie zu finden.) Dieser Prozess einer Suchbewegung und das Formulieren einer Hypothese kann Hoffnung und Zuversicht mobilisieren und dem Patienten signalisieren: Hier gibt es eine konzeptionelle Vorstellung davon, wie es weitergehen kann, ein heilsames Wissen, das Licht in den Dschungel seiner Probleme bringen kann. In der psychotherapeutischen Wirkforschung gibt es die Auffassung, dass dies einer der stärksten Prädiktoren für den Erfolg von Therapie ist: wenn nämlich Therapeut und Klient eine gemeinsame Auffassung von Wurzeln und Lösungswegen finden. Diese Art von Passung hat in jedem Fall hohe Bedeutung.
Natürlich ist eine solche Grundidee nicht die Lösung seiner Probleme. Alle Therapie wäre überflüssig, wenn mit der Erklärung eines Problems das Problem verschwinden könnte. Ganz im Gegenteil: oft ist es so, dass wir sogar wissen, was besser für uns wäre und dennoch diesen Weg nicht beschreiten können. An diese Grenze stößt letztlich die gesamte Ratgeber-Literatur. Manchmal sage ich mit Augenzwinkern, das, was Therapie vermittelt, ist „simple, but not easy“. Es geht z.B. „ganz einfach“ darum, zu lernen: „Nein“ zu sagen, zu sich zu stehen, seine Gefühle ernst zu nehmen, seine Schwächen zu akzeptieren, seine Bedürfnisse zu äußern, sich anzuvertrauen... – es klingt banal, ist aber oft schwer ins Leben zu holen.

Theorie kann in verschiedensten Varianten Teil und Gegenstand des therapeutischen Geschehens werden. Gut dosiert und platziert wird sie zum wertvollen Instrument; sie tritt jedoch auch manchmal als Störfaktor eines Prozesses in Erscheinung.

1. Erklärung und Wissensvermittlung als Hilfe

Am Anfang einer Therapie haben Therapeuten die Verpflichtung, ihren Patienten zu erklären, wie (Einzel-) Therapie funktioniert oder wie eine Gruppe arbeitet. Dies ist die Basis für einen informierten Konsens. Im weiteren Verlauf werden Aufklärung, Wissensvermittlung, Beratung, Erklärung von Zusammenhängen immer wieder vorkommen. Jeder, der schon mal an Therapie- und Beratungsprozessen teilgenommen hat, hat wahrscheinlich schon einmal die entlastende Wirkung von Informationsvermittlung erfahren. Letztlich ist mein ganzes Wiki ein Input, der helfen soll, sich besser zu verstehen. Auch wenn ich weiß, dass Einsichten allein nicht zur Veränderung ausreichen, sind sie bedeutsam zu unserer Orientierung, können entlasten und unterstützen. Verbunden mit emotionalen Erfahrungen entfalten sie erst ihre wirkliche Kraft. In den letzten Berufsjahren entdecke ich bei mir eine zunehmende Tendenz, in der Therapie zu viel zu erklären oder zu viel zu deuten, womit ich Gefahr laufe, meine Forscherhaltung zu verlassen. Im Grunde ist jede Deutung schon ein Übergang zur Theorie: indem das, was im Hier und Jetzt erfahrbar geworden ist, mit einem unbewussten Hintergrund verknüpft wird, kann Verständnis wachsen. Je mehr mir aufgrund meiner Berufserfahrung ein Zusammenhang „ins Auge springt“, umso mehr muss ich aufpassen, dies dem Patienten nicht einfach zu referieren. Denn auf diese Weise verpasse ich es, den aus meiner Sicht wichtigsten Weg, nämlich den der eigenständigen emotionalen Entdeckung und des eigenen Ausdrucks dafür in Gang zu setzen. Ich muss mich dann darauf zurückbesinnen, dass meine Aufgabe nicht vordringlich im Erklären besteht, sondern darin, Erfahrungen zu ermöglichen.

 

2. Theorie als Verdichtung und Zusammenfassung von Erfahrungen - die Verständnisbrücke als Basis für neue Wege

Wer emotional tiefe therapeutische Prozesse durchlebt hat, braucht oft noch eine Verständnisbrücke im Sinne einer verstandesmäßigen Einordnung des Erlebten, damit Erfahrenes deutlicher und bewusster zur Verfügung steht. Diese Einordnung ist die Basis bewusster Neuorientierung im Sinne von emotional und intellektuell erarbeiteter Handlungsalternativen.

Ein Beispiel: Vera ist mit einer alkoholkranken Mutter aufgewachsen. Dem Vater war das Problem bewusst, aber er hatte nicht die Kraft, sich wirklich mit seiner Frau auseinanderzusetzen. Er zog sich in seine erfolgreiche Berufstätigkeit zurück und überließ seine beiden Töchter wirtschaftlich zwar gut versorgt, jedoch emotional im Stich gelassen, einem trostlosen familiären Zuhause. Wie viele Kinder alkoholkranker Elternteile versuchte Vera, Mutter und Vater zu stützen. Ihre Not und Überforderung sah niemand, und sie verlernte es, sich mit ihren Bedürfnissen sichtbar zu machen. Ihre Mutter blieb hinter alkoholgetränkten Nebelschwaden unerreichbar für sie, ihr Vater verschwand auf der Arbeit. Sie verausgabte sich darin, ihre Mutter zu stützen und den Anschein einer heilen Familie nach außen hin aufrecht zu erhalten. Vor diesem Hintergrund erscheint es ihr in ihrem späteren Leben aussichtslos, sich in Partnerschaften oder engen Beziehungen wirklich zu zeigen. Wenn es um die Vorstellung geht, ihre eigenen Bedürfnisse sichtbar zu machen, stößt sie vor eine Mauer verinnerlichter Aussichtslosigkeit.

In der Therapiegruppe übernimmt sie die Rolle einer Wächterin, eines „Hütehundes“ für andere Gruppenmitglieder, die in ihren Unterstützungsbedürfnissen übersehen werden könnten, weil sie in Veras Augen damit (noch) überfordert sind, sich selbst zu zeigen. Ihr Blick ist geeicht auf den Schutz der Schwächeren und die Sicherung eines Rahmens, in dem alle gesehen werden und ihren Platz finden. Als sich abzeichnet, dass ich die Gruppe um zwei Menschen erweitern möchte, hat sie eine schlaflose Nacht, quält sich mit Gedanken von Überforderung und mit Enttäuschung über mich als Gruppenleiter: Wie soll sie es schaffen, auf noch mehr Menschen aufzupassen? Wo bleibt da noch Platz für sie? Mit diesen Gefühlen und Gedanken meldet sie sich am nächsten Tag in der Gruppe. Ich schlage ihr vor, sich vor mich hin zu stellen und alle ihre Gefühle und Gedanken mir gegenüber auszusprechen, sie mir zuzumuten. Aus der Tiefe ihres Herzens beginnt sie immer freier zu sprechen und sich mir, geschüttelt von Enttäuschung und Schmerz, anzuvertrauen. Mir begegnet in dieser Situation ein verzweifeltes „Kind“, das seine Sprache für die eigenen Nöte und Wünsche verloren hatte und sich nun unüberhörbar und unübersehbar an „den Vater“ wendet.

Nach dieser emotionalen Arbeit verspürt sie den Drang, sich auf den Boden zu legen, großflächig den Grund und die Festigkeit zu spüren und die Gruppe aus einer anderen Perspektive anzusehen. Das war der leibhaftige Ausdruck davon, was der vorhergehende Prozess in ihr ausgelöst hatte, ohne dass sie dies zu diesem Zeitpunkt bereits in Worte fassen konnte. Erst einen Tag später erschloss sich ihr ihr eigenes impulsives Handeln: Sie konnte formulieren, dass sie durch diese Arbeit viel mehr in der Gruppe angekommen, sodass sie sich in deren Mitte legen und dort geerdet und sicher fühlen konnte.

Damit hatte Vera eine erste intellektuelle Integration des Erlebten schon selbst bewältigt. Gleichzeitig bat sie mich um eine „Verständnisbrücke“, für das was geschehen war. Wir arbeiteten heraus, dass die mögliche Vergrößerung der Gruppe ihre frühen familiären Überforderungen mobilisiert hatte (Erinnern), die sie mit dem Sorgen für andere kompensiert hatte (Wiederholen), und mit der Zumutung ihrer Gefühle an mich zu überwinden begann (Durcharbeiten), womit die Basis für eine bewusste neue Handlungsalternative gelegt war (Neuorientierung). Das ist der klassische Vierklang eines fast schon lehrbuchartigen therapeutischen Prozesses.

Sie schaffte damit den Übergang von der Versorgung anderer zum Eintreten für ihre eigenen Bedürfnisse. Ihr gelang es, eine früher als aussichtslos erfahrene und schließlich zurückgenommene Handlungsmöglichkeit wiederzugewinnen: sich anderen mit den eigenen Bedürfnissen anzuvertrauen und ihnen ihren Ärger und ihre Enttäuschung zuzumuten.

Ein solches kognitives Erfassen der eigenen Erlebens- und Verhaltensmuster vor dem Hintergrund der eigenen Lebensgeschichte ist (enorm) wichtig. Im Zusammenhang mit einer unmittelbar erlebten emotionalen Erfahrung ermöglicht es eine Integration des Erlebten und macht den Weg frei für neue Entscheidungen. Dieses Verständnis kann zu einer Brücke in eine Zukunft erweiterten Handlungsspielraums werden. Das, was Vera intuitiv gewagt hatte, wird im Nachgang verstandesmäßig eingefangen, und das kann sie in die Schatzkiste neuer Möglichkeiten packen. Es legt den Grundstein für neue Handlungsalternativen, die nun willentlich angesteuert werden können: „Ich kann und muss mich endlich zumuten, wenn ich gesehen werden will!“ – „Ich stelle mich meiner automatisiert empfundenen Aussichtslosigkeit entgegen und wage eine neue Prüfung in meinen gegenwärtigen Beziehungen!“ Und nicht mehr: „Ich passe auf, dass ein Raum entsteht, in dem ich hoffentlich gesehen werde.“ Oder: „Wenn ich nicht fliehen kann, muss ich einwilligen, dass alles Leben aus mir weicht.“
Wäre der therapeutische Prozess beim Ausdruck ihrer Gefühle und ihrer inneren Wahrheit stehen geblieben, wäre das aus meiner Sicht nur die „halbe Miete“ gewesen; durchaus von Wert, doch noch nicht wirklich integriert und verfügbar.

Ein bloßes Machen, ein Verbleiben im Ausdrücken von Gefühlen, enthält die Gefahr, auf halber Strecke stehen zu bleiben. Dazu ein anderes Bespiel:

In meiner eigenen Therapieausbildungsgruppe geriet ich von Wochenende zu Wochenende in immer größere Wut über ein anderes Mitglied der Gruppe. Er machte alles mit, sagte zu allem Ja, auch wenn ich den Eindruck hatte, dass er gar nicht einverstanden war. Ich fand ihn furchtbar angepasst, und ich wurde von Mal zu Mal zorniger. Schließlich forderte mich die Leiterin der Gruppe auf, meiner Wut in Form einer Körperübung Ausdruck zu verleihen. Der andere Gruppenteilnehmer und ich setzten uns Rücken an Rücken, und mit meiner Wut drückte ich ihn – obwohl er viel größer war - durch den ganzen Raum, ohne wirklich eine Gegenkraft zu spüren. Am Ende blieb ich ratlos und enttäuscht zurück. Ich erhielt aus der Gruppe zwar viel Lob und Anerkennung hinsichtlich meiner Ausdrucksstärke und Kraft; doch wirklich integrieren konnte ich diese Erfahrung damals nicht. Es fehlte die Verbindung zu meiner Lebensgeschichte und meinen verengten Verhaltensmustern. Erst einige Zeit später begriff ich, dass ich hier ein Mutterthema durchlebt hatte. Bei ihr hatte ich ein klares Gegenüber vermisst, das für sich einsteht, sich positioniert und wehrt - und dadurch auch mich schützen kann. Im Rückblick kann ich sagen: ein Mangel an kognitivem Durchdringen des Erlebten stand hier der Nutzung einer emotionalen und ausdrucksstarken Erfahrung im Wege.

3. Intellektualisierung - Theoretisieren als Widerstand

Natürlich gibt es auch Intellektualisierung als Abwehr. Sie begegnet mir z. B. als ein endloser Redeschwall, im Wegrationalisieren eigener Gefühle, in ständigen Erklärungen, weshalb Verhaltensänderungen unmöglich sind u.a.m. Andere Patienten wiederum verleiten mich immer wieder zu einem theoretischen Meinungsaustausch, anstatt erst einmal hinzuspüren und hinzufühlen, was sie bewegt. So wird Theorie zum Widerstand, Intellektualisieren oder Rationalisieren zum Kontrollversuch, um tieferen Gefühlen und Themen auszuweichen.
Solche Formen des Widerstands wurden in der Geschichte der Psychotherapie lange Zeit nicht einfach nur festgestellt, sondern vornehmlich negativ konnotiert. (Schon das Wort Widerstand hat ja im Deutschen einen eher negativen Unterton. Hieraus erwuchs mitunter bei Therapeuten die Haltung, den Widerstand von Patienten als Arbeitsverweigerung oder Veränderungsverweigerung subtil zu entwerten. Manchmal mündete das sogar in demütigende Beschimpfung: das „mindfucking“ von Fritz Perls war wirklich kein freundliches Wort. Eine solche Haltung führt kaum zu einer produktiven Zusammenarbeit. Eher wollten Patienten und Ausbildungskandidaten es dann dem Guru recht machen, - wahrlich kein Meisterstück von Therapie und Selbstentwicklung. Ein Benennen des Phänomens ohne es zu verurteilen, führt sicher eher zur Entdeckung eines tieferen Sinns solchen Intellektualisierens und damit zu persönlicher Entwicklung.
Hinter allen Formen der „Verkopfung“ steht erfahrungsgemäß doch wieder ein Gefühl, meistens eine Angst oder Unsicherheit, die ernst genommen und verstanden werden will: Aus meiner Sicht ist es oft ein sinnvolles und nützliches Signal für innere Nöte bzw. Konflikte oder ein unbeholfener und verdeckter Versuch, für sich zu sorgen.

Noch ein Beispiel dafür aus meiner Ausbildungszeit: in unserer Selbsterfahrungsgruppe war es üblich, dass reihum ein Protokoll des Gruppenwochenendes verfasst wurde. Wir wurden dabei ermutigt, auch theoretische Impulse und Fragen ins Protokoll einzubringen. Zusammen mit einer anderen Ausbildungskandidatin warf ich im Protokoll die Frage auf, nach welcher Logik eigentlich die Zeit in der Gruppe verteilt würde, und ob das alles eigentlich gerecht sei. Es schien uns eher so, dass manche Teilnehmer häufiger Beachtung fänden als andere. Diese Gerechtigkeitsfrage mündete leider in die schwerste Verletzung, die ich im Rahmen meiner Ausbildung erlitten habe. Der Gruppenleiter konnte diese Frage nur als Angriff auf seine Person und als Entwertung seiner Arbeit verstehen, obwohl wir sie eher naiv gestellt hatten. Es gelang zwar im Laufe der folgenden Sitzung herauszuarbeiten, dass wir Protokollanten beide große Schwierigkeiten hatten, unsere Bedürfnisse zu formulieren und einzubringen und dass hinter dem Begriff der Gerechtigkeit diese Unsicherheit und der stille Wunsch danach verborgen war, mehr beachtet und unterstützt zu werden. Diese Entdeckung verblieb jedoch leider eingebettet in eine Demütigung, und war nicht Produkt einer freundlichen Konfrontation.

30 Jahre später bin ich als Gruppentherapeut oft selbst mit dem Ruf nach Gerechtigkeit konfrontiert. Und es ist nicht immer leicht, den Appell nach Unterstützung hinter solchen Diskussionen freizulegen und in Stoff für persönliche Entwicklung zu verwandeln.

4. Theorieinhalt als Widerstand

Nicht nur das Verbleiben in theoretischen Diskussionen kann eine Form von Abwehr sein. Auch die Art der Theorie, die fokussierten Inhalte und Kernaussagen können Widerhall einer unbewussten Abwehr und Ausdruck verborgener Themen sein. Jeder sucht und verbindet sich mit Theorien, die zu ihm passen. Das, was theoretisch bedeutsam ist, kann dann dennoch unzulänglich, weil einseitig und verengt sein – wenn andere Aspekte ausgeblendet werden. Ähnlich wie es kein Zufall ist, welche Therapierichtung jemand für sich wählt, und sich zur Verhaltenstherapie, zur Psychoanalyse, zur Gestalttherapie, zur systemischen Therapie oder wohin auch immer orientiert.

Dazu noch einmal das Beispiel von Vera: Immer wieder hat sie mich eingeladen, mir ihr zu diskutieren, anstatt Bedürfnisse und Empfindungen zu äußern. Sie verstand die Therapiegruppe als einen bedingungslos geschützten Raum, erwartete „selbstreflexives“ Verhalten der Teilnehmer, Verständnis und keine Konfrontationen. Selbst therapeutisch ausgebildet, vertrat sie die Auffassung, dass der Therapeut für die Schaffung eines solchen Raumes zuständig sei. Der Bezug zu ihr selbst blieb lange unklar; sie verteidigte ihr Konzept von Therapie. Oder sie verteidigte ein Gruppenmitglied unter Verweis auf solche Konzepte, gewissermaßen mit Bezugnahme auf eine höhere Instanz als Rückendeckung – anstatt ihre persönlichen Gefühle dazu auszudrücken.
Die Theorien, an denen sie sich orientierte, waren Ausdruck ihres inneren Systems. Dahinter versteckte sie sich und zeigte zugleich in vermittelter, indirekter Weise, was sie brauchte oder gebraucht hätte. Ihre Theorien waren nicht nur Ausdruck ihrer Wissbegierde, sondern auch der Versuch, Sicherheit in der Welt zu bekommen, allerdings in den Modellen, die ihr ihre alten Erfahrungen reflektieren und bestätigen.
„Warum ist gerade diese theoretische Auffassung so wichtig für Sie?“ – Diese Frage führt manchmal zur Entdeckung des unbewussten Sinns. Die Quellen ihrer theoretischen Überzeugungen waren Vera zunächst verborgen. Es war vor allem ihre Suche nach Sicherheit, nach Räumen, in denen jemand auf alle und auch auf sie aufpasst.
So sehr ich – wie - Vera davon ausgehe, dass Therapie und eine Therapiegruppe auch einen Schutzraum bieten sollen, so eng empfand ich andererseits ihre Konzepte. Mein Modell schließt Konfrontationen, Konfliktaustragung, kritisches und schwieriges Feedback mit ein. Ich freue mich über den Stachel im Pelz, der Entwicklung in Gang setzt. Für mich sind Konflikte der Gruppenmitglieder zu hebende Schätze.
Vera wollte nicht, dass projiziert wird. Untermauert durch theoretische Konzepte über das, was „richtig für Heilung ist“, versuchte sie, Verhaltensweisen aus der Gruppe - bei sich und anderen - herauszuhalten, mit denen sie nicht umgehen konnte, wie z.B. Projektion, Unterstellung, Interpretation. Weil es ihr schwerfiel, damit umzugehen, sie also hier Verhaltensdefizite hatte, sollte der Therapeut gefälligst aufpassen und für Ordnung sorgen. Denn wenn er es nicht für sie tun würde, würde es für sie unangenehm, ja scheinbar aussichtslos. Und als theoretisches Modell vertrat sie entsprechend ein Konzept von einem Schutzraum, den ich eher als klinisch reinen Schonraum betrachtete. Da Vera nie die Erfahrung von einem familiären Raum gemacht hatte, in dem Konflikte produktiv gelöst werden, in dem ihre Unzufriedenheit vielleicht Gehör und sie als übersehene Tochter Beachtung findet, suchte sie nach Therapie- und Gruppenkonzepten, die ihr diesen Schutz und Raum quasi garantieren. Aus der Perspektive ihrer alten Not verständlich - aus der Perspektive der Erweiterung ihrer Handlungsmöglichkeiten fatal. Die Verteidigung eines solchen Gruppenkonzepts trat an die Stelle ihrer persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten, ja behinderte sie geradezu. Die Diskussion über theoretische Konzepte sollte sie vor etwas schützen, wovor sie sich selbst noch nicht schützen konnte.

Die Aufgabe, sich abzugrenzen wird delegiert an das Konzept, statt die eigenen Verhaltensmöglichkeiten zu erweitern, indem man lernt zu sagen: „Ich mag es nicht, wenn du so ungefiltert auf mich einsprichst.“ Oder: „Es verstört und ärgert mich, wenn meine Worte nicht bei dir ankommen.“ Oder: „Ich brauche jetzt mal eure Aufmerksamkeit und Unterstützung.“

So ging Veras Weiterentwicklung Hand in Hand mit der Veränderung ihrer theoretischen Auffassungen, und ihre Auffassungen wurden zum Spiegelbild ihrer persönlichen Entwicklung. Sie hat auch mein Verständnis der Bedeutung von Theorie in der persönlichen Entwicklung bereichert und mir das Wort „Verständnisbrücke“ geschenkt.

Wenn so etwas gelingt, bin ich einfach nur glücklich. Dann sind bei mir Herz und Verstand im Einklang und gleichermaßen zufrieden.